Modernisierung

Die Politische Lage während der Modernisierung von 1962 bis 1973

1962

18. März:

Im Abkommen von Evian vereinbaren Frankreich und die algerische Exilregierung einen Waffenstillstand für Algerien und die Unabhängigkeit des Landes, nachdem der Bürgerkrieg etwa eine Million Menschen ihr Leben verlooren

 

3. Juli: 

Die Unhängigkeit Algeriens wird proklamiert. In der Folge verlässt eine Million Menschen das Land

 

Oktober/ November:

Die USA errichten eine See-Blockade, um die Lieferung und Aufstellung atomar bestückter Raketen in Kuba zu unterbinden. Ein atomarer Weltkrieg droht auszubrechen, sollte es zu Seegefechten zwischen sowjetischer und amerikanischer Marine kommen.

Oktober:

SPIEGEL-Affäre: Wegen eines Artikels zur NATO-Verteidigungsstrategie und -fähigkeit („Bedingt abwehrbereit“) veranlasst Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß die Verhaftung von Redakteuren. Die ‚Sicherungsgruppe Bonn‘ unter Leitung von Staatsanwalt Siegfried Buback besetzt und durchsucht die Redaktionsräume des SPIEGEL und fordert Einsatzkommandos und Kriminalbeamte der Hamburger Polizei an. Herausgeber Rudolf Augstein sitzt die folgenden Monate in Untersuchungshaft

 

31. Oktober:

Protestkundgebungen gegen die Verletzung der Pressefreiheit finden in Berlin, Hamburg, Hannover, Braunschweig statt

 

November/ Dezember:

Die Bundesminister der FDP treten zurück, Bundeskanzler Adenauer bildet eine neue Regierung ohne Verteidigungsminister Strauß

 

1963

Februar: SPIEGEL-Herausgeber Augstein wird nach 103 Tagen Untersuchungshaft entlassen

26. Juni: US-Präsident Kennedy besucht West-Berlin

Oktober: Konrad Adenauer tritt als Bundeskanzler zurück

 

15. September:

Nach der Annahme der Verfassung wird in Algerien ein Ein-Parteien-System über dem Präsidenten, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte Ben Balla errichtet

 

22. November: US-Präsident John F. Kennedy wird in Dallas (Texas) ermordet

 

1964

August:

Der Kongress verabschiedet eine Resolution, die das militärische Eingreifen der USA in Vietnam zur Hauptaufgabe der amerikanischen Außenpolitik erhebt. Der Streit mit der UdSSR um die Deutschland- und Berlin-Frage gerät in den Hintergrund

 

1965

13. Mai:

Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD zu Israel. Viele arabische Staaten brechen daraufhin ihre diplomatischen Beziehungen zur BRD ab

 

Oktober:

Das dokumentarische Stück ‚Die Ermittlung‘ von Peter Weiss wird gleichzeitig in 15 Städten der BRD und der DDR uraufgeführt. Weitere Theater, unter anderem in Braunschweig und Hannover, folgen. Es gibt Hörspiel-Aufführungen der west- und ostdeutschen Rundfunkanstalten und eine Fernsehinszenierung. Das „Oratorium“ verdichtet die Aussagen von Tätern und Opfern im ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965. Die Verteidigungsstrategien der Angeklagten werden vorgeführt

 

1966

Mai: Die Volksrepublik China zündet ihre erste Wasserstoffbombe

August: Beginn der ‚Großen Proletarischen Kulturrevolution‘ in der Volksrepublik China

 

30. November:

Rücktritt von Bundeskanzler Ludwig Erhard, nachdem die FDP die Koalition im Oktober verlassen hatte

1. Dezember:

Der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger wird zum Bundeskanzler einer Regierung aus CDU/CSU und SPD (Große Koalition) gewählt

 

1967

Der Trauermarsch durch Hannover am 8. Juni nach der Beisetzung Benno Ohnesorgs (Welt, 10. Juni 1967)
Der Trauermarsch durch Hannover am 8. Juni nach der Beisetzung Benno Ohnesorgs (Welt, 10. Juni 1967)

2. April:

Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein zünden nachts Brandsätze in Frankfurter Kaufhäusern. Sie werden im Oktober 1968 zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt

 

30. Mai:

Die ostnigerianische Region Biafra erklärte sich für unabhängig. Der ‚Biafra-Krieg‘ der Regierung gegen die Separatisten endete 1970 mit etwa einer Million Toten. 1968 und 1969 erhielt Biafra weltweite karitative Unterstützung

 

2. Juni:

Nach Studentenprotesten gegen den Staatsbesuch des iranischen Schah in West-Berlin schießt der Polizist Karl-Heinz Kurras dem Studenten Benno Ohnesorg aus kurzer Distanz von hinten in den Kopf

 

4. Juni:

Bei der Landtagswahl in Niedersachsen erhält die NPD sieben Prozent der Stimmen und zehn Sitze im Parlament

 

5.-10. Juni:

Sechstagekrieg; Israel besetzte die Golanhöhen, die Sinai-Halbinsel, Westjordanien und den Gazastreifen

 

26. September:

Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz übernimmt die politische Verantwortung für den Tod Ohnesorgs und tritt zurück

 

1968

5. Januar: Alexander Dubcek wird Chef der KP in der CSSR und leitet den ‚Prager Frühling‘ ein

 

5. April:

Das Zentralkomitee der KP in der CSSR beschließt ein Programm zur Einleitung der Demokratisierung im Land (‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘)

 

11. April:

Der Studentenführer Rudi Dutschke wird in Berlin auf offener Straße niedergeschossen. Er überlebt schwer verletzt. Die Studentenbewegung beschuldigt den Springer-Verlag, in der BILD-Zeitung zu dem Attentat angestachelt zu haben. Die Redaktion wird angegriffen und die Auslieferung in Berlin und in anderen Städten behindert. Der im Oktober 1966 begründeten Kampagne „Enteignet Springer“ gegen dessen ‚Monopolstellung‘ auf dem Zeitungsmarkt haben sich namhafte Schriftsteller angeschlossen. Bei den ‚Oster-Unruhen‘ sterben zwei Menschen

Beginn der Studentenunruhen in Paris. Ab Mitte Mai kommt es zu einem ‚wilden‘ Generalstreik in Frankreich; er dauert fast einen Monat

 

29. Mai:

Der Bundestag verabschiedet die verfassungsändernden Notstandsgesetze. Am 11. Mai hat ein Sternmarsch mit zehntausenden Teilnehmern auf Bonn stattgefunden, um die Gesetze zu verhindern

 

4. Juni:

Ermordung des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King in Memphis (Tennessee). In vielen Städten der USA, vor allem in der Hauptstadt, kommt es zu Krawallen mit vielen Toten und tausenden Verletzten und Verhafteten

 

5. Juni:

Robert F. Kennedy, Kandidat für das Amt des US-Präsidenten, wird nach einem Wahlkampfauftritt in Los Angeles niedergeschossen; er stirbt am folgenden Tag

 

1. Juli:

Die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen wird von den USA, Großbritannien und der UdSSR vertraglich vereinbart. Die Atommächte Frankreich und China treten dem Vertrag nicht bei. Der Vertrag tritt 1970 in Kraft

 

21. August:

Einmarsch von Truppen der Staaten des Warschauer Paktes in der CSSR, um den ‚Prager Frühling‘ zu beenden

 

4. November:

Schlacht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg. Anlass: Der Rechtsanwalt Horst Mahler wird vom Springer-Verlag auf DM 500.000 Schadenersatz für den Angriff auf das Springer-Haus verklagt und soll aus der Anwaltskammer ausgeschlossen werden

 

1969

März: Gustav Heinemann (SPD) wird von SPD und FDP zum Bundespräsidenten gewählt

 

April:

Der IX. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas beendet die ‚Kulturrevolution‘, nachdem die ‚Volksbefreiungsarmee‘ schon 1967 die ‚Roten Garden‘ diszipliniert hatte, um die Wirtschaft des Landes wieder in Gang zu setzen und die Fortsetzung des Unterrichts an Schulen und Hochschulen angeordnet wurde

Nach der Bundestagswahl im September bilden SPD und FDP im Oktober die neue Bundesregierung unter Leitung von Bundeskanzler Willy Brandt. Wenige Tage später erklärt Brandt die Bereitschaft seiner Regierung, die DDR als zweiten deutschen Staat anzuerkennen

 

28. November: Die BRD tritt dem Atomwaffensperrvertrag bei

 

1970

19. März:

Erstes Treffen zwischen dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, und Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt. Es folgt ein Treffen der beiden in Kassel am 21. Mai

 

4. Mai:

Nach tagelangen Studentenprotesten an der Kent State University (Ohio) gegen die US-Invasion in Kambodscha rückt die Nationalgarde an und schießt in die Menge. Vier Studenten sterben, neue weitere werden zum Teil schwer verletzt

 

12. August:

Vertrag zwischen der UdSSR und der BRD über Gewaltverzicht, Anerkennung der Unverletzlichkeit der europäischen Grenzen und Normalisierung der Beziehungen

 

7. Dezember:

Vertrag zwischen der Volksrepublik Polen und der BRD über die Grundlagen zur Normalisierung der Beziehungen: Gewaltverzicht und Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen, Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als der polnischen Westgrenze

 

14. Dezember:

Ausbruch des Streiks der Werftarbeiter in Danzig. Der Streik greift auf weitere polnische Ostseestädte über

 

20. Dezember:

Nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und der Polizei tritt der Generalsekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei Gomulka zurück

 

1971

8. Juli:

Anwohner besetzen den Bombenabwurfplatz ‚Nordhorn Range‘ bei Nordhorn. Seit 1954 hatte es Proteste gegen die Nutzung des Geländes durch die Royal Air Force und andere alliierte Luftwaffen gegeben wegen des Lärms der Tiefflieger und etlicher Fehlabwürfe auf Nachbargrundstücke. Gründung der Bürgerinitiative, welche über die folgenden Jahrzehnte gegen die Bombardierung nahe des Atomkraftwerks Lingen protestiert. 1973 kommt die Bereitschaftspolizei aus Hannover in Nordhorn zum Einsatz

 

3. September:

Das Viermächteabkommen über Berlin wird unterzeichnet. Es bestätigt die Bindung West-Berlins an die BRD. Die UdSSR sichert den freien Zugang für Zivilisten und zivile Güter nach West-Berlin zu

 

20. Dezember:

Vereinbarung zwischen der DDR-Regierung und dem Senat von West-Berlin über den Reise- und Besucherverkehr. Bewohner West-Berlins können danach erstmals seit 1961 nach Ost-Berlin und in die DDR reisen

 

1972

28. Januar:

Bundesregierung und Bundesländer vereinbaren den ‚Radikalenerlass‘, der Bewerber auf Stellen im öffentlichen Dienst auf ihre Verfassungstreue verpflichtet. Die Mitgliedschaft in verfassungsfeindlichen Organisationen wird zum Ablehnungsgrund

 

27. April:

Die CDU/CSU-Opposition scheitert im Bundestag mit ihrem ‚konstruktiven Misstrauensvotum‘, zum Bundeskanzler Brandtz abzuwählen

 

Mai:

Die NATO und der Warschauer Pakt treffen die Entscheidung, eine gemeinsame Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vorzubereiten. Es sollen auch Verhandlungen über eine beiderseitig ausgewogene Truppenreduzierung in Europa stattfinden

 

17. Mai:

Die ‚Ostverträge‘ mit der UdSSR und Polen werden vom Bundestag ratifiziert und treten am 3. Juni in Kraft

 

26. Mai:

Abkommen zwischen den USA und der UdSSR über die Begrenzung der nuklearen Rüstung (SALT I)

 

5. September:

Während der Olympischen Spiele in München nehmen palästinensische Terroristen Sportler und Funktionäre der israelischen Mannschaft in Geiselhaft. Zwei Israelis werden getötet. Bei einer Befreiungsaktion der Polizei auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck sterben alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizeibeamter

 

20. September:

Bundeskanzler Brandt stellt im Bundestag wegen der ‚Ostverträge‘ die Vertrauensfrage und scheitert. Der Bundestag wird aufgelöst

 

19. November: Neuwahlen zum Bundestag. SPD und FDP bilden anschließend eine neue Regierung

21. Dezember: Unterzeichnung des Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der BRD

 

1973

28. Januar:

Nordvietnam und die USA schließen nach langen Verhandlungen einen Waffenstillstand. Die Kämpfe zwischen Nord- und Südvietnam gehen weiter

 

9. Februar: Großbritannien und Frankreich nehmen diplomatische Beziehungen zur DDR auf

 

7. März:

Die DDR akkreditiert Korrespondenten der westdeutschen Fernsehanstalten ARD und ZDF sowie von Presseorganen

 

21. Juni: Der Grundlagenvertrag zwischen der DDR und der BRD tritt in Kraft

Juli / September: Erste und zweite Phase der KSZE-Verhandlungen in Helsinki

 

31. Juli:

Das Bundesverfassungsgericht bestätigt die Verfassungsmäßigkeit des Grundlagenvertrages, und dass der Vertrag eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten nicht ausschließen würde

 

18. September: DDR und BRD werden in die Vereinten Nationen aufgenommen

 

6. Oktober:

Ägypten und Syrien greifen Israel an; Waffenstillstand am 24. Oktober (Jom-Kippur-Krieg)

 

11. Dezember:

Vertrag zwischen der CSSR und der BRD über die gegenseitigen Beziehungen und Aufnahme diplomatischer Beziehungen (Mitte 1974)

 

Ploetz 1998; WikiPedia