Gorleben-Treck und Gorleben-Hearing

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Albrecht wir kommen

Am 26. März 1979 brachen Bewohner des Wendlands auf etwa zwanzig Traktoren bei regnerischem Wetter in Richtung Landeshauptstadt auf, unter dem Motto: ‚Albrecht wir kommen, und sei es geschwommen.‘


Am 28. März kam es im Kernkraftwerk ‚Three Mile Island‘ bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania zu einer teilweisen Kernschmelze, und 200.000 Menschen verließen die Umgebung des Kraftwerks. Dieses Ereignis brachten dem ‚Gorleben-Treck‘ enormen Zulauf aus dem In- und Ausland. Am Sammelpunkt in Burgdorf vereinigten sich etwa 500 Trecker, um in Hannover einzufahren. Dort säumten am 31. März bis zu 100.000 Menschen die Straßen und besuchten viele davon die Abschlusskundgebung.

Treck 1979
Treck 1979

 

Gorleben-Hearing

Das Eintreffen des Gorleben-Trecks fiel zusammen mit dem mehrtätigen Gorleben-Hearing auf dem hannoverschen Messegelände, zu dem die Landesregierung über 60 Wissenschaftler aus aller Welt eingeladen hatte, um sich über die Technik und Risiken der geplanten Wiederaufbereitung von Kernbrennstäben in Gorleben beraten zu lassen.

Der Austausch von Argumenten der Befürworter und Kritiker der Technik sollten die Entscheidungsgrundlage für die Landesregierung sein. Während die Physiker die Machbarkeit bestätigten und die durchaus bekannnte Technik im Detail vorstellten, gaben alle Seiten die geplante Dimension der Anlage und deren angestrebte Produktionskapazität an (waffenfähigen) Plutonium zu bedenken. Deutlich wurde besonders der Physiker Amory Lovins von der University of California:

Vierzehn Tonnen Plutonium, so die Pläne, sollen in Gorleben jährlich produziert werden, genug für 7000 Bomben des Typs, der Nagasaki zu Asche machte. Acht Zigarettenpäckchen voll des Gorlebener Materials reichen, um – wie kompliziert das immer sein mag – eine „primitive Atombombe“ zu basteln. Die „Spaltstoff-Flußkontrolle“ aber, die Buchführung über den Verbleib der in kerntechnischen Anlagen anfallenden radioaktiven Erzeugnisse, kann, so der internationale Standard, nur zu 99 Prozent genau sein. Ein Prozent, in Gorleben wären das demnach 140 Kilogramm Plutonium im Jahr, könnten verschwinden, ohne daß jemand wüßte, wohin.

Ministerpräsident Ernst Albrecht erklärte wenige Wochen später, die Wiederaufbereitungsanlage sei zwar technisch machbar, politisch aber nicht durchzusetzen: „Ich will keinen Bürgerkrieg im Land“.

 

 

HSK 13
Ev. Ztg. 14/1979

Spiegel 14 und 21/1979

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